Donnerstag, 23.11.2017

Heterogene Klassen im Vorteil

Gemischte Lerngruppen müssen kein Nachteil für die Schülerleistungen sein - im Gegenteil.
Zu diesem Ergebnis kommt die Wissenschaftlerin DR. KATJA SCHARENBERG vom Institut für Schulentwicklungsforschung (lFS).

Quelle: Forum Schule 4/2012

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Jahrgangsmischung in Montessorischulen Münsterschule

Hier können Sie das Konzept zur Jahrgangsmischung und das Pensenbuch herunterladen!

Ausgangssituation

Die Schulkonferenz hat am 23.04.2007 den Beschluss gefasst, den Unterricht in allen Klassen schrittweise nach der Montessori-Pädagogik auszurichten und das Schulprofil entsprechend zu entwickeln. Folgende  Maßnahmen wurden bereits umgesetzt:

Die Lehrer/innen erwerben das Montessori-Diplom und es werden nur Kolleg/innen eingestellt, die das Diplom haben oder bereit sind, es zeitnah zu erwerben.
Alle Klassen wurden mit Montessorimaterial ausgestattet.  
Das Kollegium bildet sich kontinuierlich in der Montessori-Pädagogik fort. Hierzu zählen auch Hospitationen an etablierten Montessorischulen.

Die Einführung der Jahrgangsmischung ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, die Prinzipien der Montessoripädagogik an der Münsterschule umzusetzen.
Dass dieser Weg sehr erfolgreich ist, hat die vom Land Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegebene und der Bezirksregierung Köln in 2011 durchgeführte Qualitätsanalyse sowie die Verleihung des Gütesiegels „Individuelle Förderung“ eindeutig gezeigt.

Vorteile der Jahrgangsmischung


Die Jahrgangsmischung ist ein grundsätzlicher Bestandteil der Montessori-Pädagogik. Sie ist eine der drei Säulen, auf der die Arbeit nach Maria Montessori fußt. Die Jahrgangsmischung wurde bereits von Maria Montessori erprobt und empfohlen und wird heute weltweit in  Montessorischulen mit Erfolg umgesetzt. Sie beruht auf der Erkenntnis, dass der Aufbau eines guten Lern- und Arbeitsverhaltens am besten in einer altersgemischten Gruppe gelingt. Die Kinder lernen von- und miteinander, so wie sie es aus dem Kindergarten bereits kennen. Jüngere SchülerInnen verfolgen aufmerksam die Tätigkeiten der älteren SchülerInnen und es wird bei ihnen Interesse an verschiedenen Lerninhalten geweckt. Kinder, die einen Stoffinhalt bereits anhand des Materials durchdrungen haben, sind in der Lage, anderen Kindern diesen zu vermitteln. Dadurch wiederholt das Kind den Lernstoff auf einer intensiveren Ebene und gewinnt an Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein. Vorteile der Jahrgangsmischung sind auch, dass jüngere Kinder von Anfang an besser integriert sind, dass sich das soziale Miteinander harmonischer gestaltet und dass sich altersheterogene Freundschaften bilden. 

Individuelle Lernfortschritte ermöglichen

Die an der Regelschule üblichen Jahrgangsklassen sind sowohl im Bezug auf das Alter der Kinder als auch auf ihren Lernstand meistens sehr heterogen. Durch  „vorzeitig auf Antrag“ und durch Leerzeichen „Zurückstellung“ ein Jahr später eingeschulte Schüler umfasst die Spanne einer Regelklasse auch ohne „Wiederholer“ häufig drei Jahrgänge. Viele Kinder lernen schon im Kindergartenalter lesen, andere tun sich auch über das erste Schuljahr hinaus noch schwer damit. Die Regelschule ist nur wenig auf diese Heterogenität vorbereitet und kann sie in den seltensten Fällen pädagogisch nutzen. An der Münsterschule wird schon heute mit der Montessoripädagogik auf die Heterogenität eingegangen, jedoch ist der Vorteil durch eine noch breitere Streuung durch die Jahrgangsmischung erheblich größer.
In der Freiarbeit arbeiten die Kinder in einer vorbereiteten Umgebung mit Freiarbeitsmaterialien, so dass eine Differenzierung nach Lernvermögen, Lernfähigkeit, Motivationslage und Rhythmus möglich ist. Durch diese gewollte Individualisierung bilden sich in der jahrgangsgemischten Gruppe Lernchancen:

Lernanregungen auf unterschiedlichen Lernniveaus werden von den Kindern aufgenommen.
Dadurch werden Lernmotivation und Kreativität gefördert.
Die Kinder nehmen die Arbeit und das Können der anderen Kinder mit Achtung und Respekt wahr.
Besonders begabte Kinder werden in ihrem Wissensdrang nicht gebremst, sondern erhalten durch ältere Kinder, die im Klassenraum vorhandenen Materialien und die Möglichkeit der individuellen Intervention und Unterstützung durch die Lehrkraft weitere Anregungen.
Lernverzögerte Kinder können entsprechend ihrem Lerntempo fortschreiten und bei Bedarf ein Jahr länger die Grundschule besuchen. Sie bleiben dabei in ihrer Klasse und tragen daher nicht die Nachteile des „Sitzenbleibens“.


Mit dem Freiarbeitsmaterial ist in einer Montessori-Klasse ein breites Angebot von Lerninhalten präsent. Die Materialien greifen sinnvoll ineinander und steigern sich in ihrem Schwierigkeitsgrad – vom Konkreten zum Abstrakten. Die Kinder können interessengeleitet und dem eigenen Können angepasst Themen wählen und sich den Stoff nach einer Einführung durch die Lehrerin oder einen Mitschüler selbstständig erschließen. Dabei ist die Zugehörigkeit zu einer Jahrgangsstufe unwichtig. Nicht immer entspricht die Leistungsfähigkeit eines Kindes in allen Fächern dem der Altersgruppe. Ein Vorpreschen in einem Bereich geht nicht selten mit einer verzögerten Lernbereitschaft in einem anderen Bereich einher.

Das Konzept jahrgangsgemischter Gruppen ist viel eher als das jahrgangshomogener Gruppen in der Lage, dieses sogenannte epochale Lernen zu berücksichtigen und produktiv zu integrieren. Die Jahrgangsmischung schließt dabei nicht aus, dass sich zeitweise  sowohl alters- als auch leistungshomogene Arbeitsgruppen nebeneinander bilden.

Soziales Lernen fördern

Neben der Förderung individueller Lernfortschritte unterstützt die Montessori-Pädagogik besonders auch das soziale Lernen. Jedes Kind soll das andere Kind als Individuum mit eigenen Wünschen und Interessen achten lernen. Maria Montessori geht dabei davon aus, dass das Klima in einer altersgemischten Gruppe anregungsreicher ist und dass unter den Kindern weniger Konkurrenz herrscht.
In der jahrgangsgemischten Klasse entsteht ein natürliches Helfersystem, das bei den Kindern gegenseitige Achtung und Interesse entstehen lässt. Jeder Schüler kommt im Laufe seiner Schulzeit in die Rolle des Helfenden und Hilfesuchenden.
Kinder können gut voneinander lernen, da ihre Denkweisen sich oft näher sind als die zwischen Lehrerin und Schüler. Zudem ergibt sich auch für das erklärende Kind ein Lernzuwachs, denn es muss für die Wissensweitergabe sein Wissen nochmals genau durchdenken, strukturieren und sich sprachlich präzise ausdrücken. Auch die Jüngeren werden in ihrem Bestreben, den Älteren nachzueifern bestärkt und motiviert.

Beim Arbeiten in selbst gewählten Gruppen (Einführung durch ein Kind, Arbeiten zu zweit/zu dritt…) kommt es immer wieder zu sozialen Interaktionen. Absprachen müssen getroffen werden, die Kinder müssen sich über Zeit und Ort einer Gruppenarbeit verständigen.
Ein weiterer großer Gewinn im sozialen Miteinander ist es, dass Regeln und Rituale innerhalb der Klasse nicht alle vier Jahre neu erarbeitet werden müssen. Die Erstklässler wachsen in die Klassenkultur hinein und ahmen selbstverständlich nach, was ihnen vorgelebt wird.
Die Jahrgangsmischung ist somit auch eine pädagogische Antwort auf die zunehmende
Vereinzelung der Kinder in der heutigen Gesellschaft.
Rückmeldungen von weiterführenden Schulen bestätigen das ausgesprochen gute Sozialverhalten und die Selbstständigkeit von Kindern, die aus jahrgangsgemischten Montessoriklassen kommen.